Auf der Jagd nach dem gelben Pfeil - Mein wunderbares Chaos auf Tour

Auf der Jagd nach dem gelben Pfeil

Links von mir liegt das Meer, der typische Geruch hängt in der schwülen Luft, ich schmecke das Salz auf meinen Lippen. Die Sonne brennt auf meine Kopfhaut, der Schweiß rinnt mir den Nacken hinunter und dort, wo der Rucksack auf dem Rücken aufliegt, klebt das T-Shirt an meiner Haut.  Fast schon automatisch setze ich einen Fuß vor den anderen. Ganz dicht zu meiner Rechten rasen die Autos vorbei. Wegen eines Pilgers bremst hier keiner. 

Aber der Reihe nach: Die Anreise macht schon mal Lust auf den Jakobsweg, Lust aufs Pilgern. Sitzen im Zug. Sitzen im Flieger. Sitzen im Bus. Wir landen in Santiago und es fühlt sich direkt ein bisschen seltsam an, schon in der Stadt zu sein, die am Ende unserer Jagd nach dem gelben Pfeil das Ziel sein soll.

Mit dem Bus müssen wir erst einmal zum Ausgangspunkt unserer Pilgerreise gelangen. Im September waren meine Schwester und ich von Porto nach A Guarda gelaufen. (Mehr dazu hier.) Jetzt müssen wir zunächst einmal nach A Guarda kommen, um von dort aus unser Ziel  – und das sehr vieler weiterer Pilger –  ins Visier zu nehmen: Santiago de Compostela.

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Die Anreise mit dem Bus gestaltet sich schwierig. Es ist Feiertag. Und weder der Busfahrplan im Internet noch die vor Ort angezeigten Abfahrtszeiten stimmen. Aber wir fragen uns durch (Hatten wir nicht seit September an unserem Spanisch arbeiten wollen? Hm?) und gelangen über Vigo nach A Guarda.

Es soll – gerüchteweise – Menschen geben, die laufen den Caminho nur mit einer EC-Karte. Wir nicht. Trotzdem haben wir unser Gepäck gegenüber September optimiert. Der Rucksack meiner Schwester bringt sieben Kilo auf die Waage, meiner ein halbes Kilo mehr. Und das, obwohl ich ein T-Shirt mehr als erlaubt (Wir legen uns da selbst strenge Regeln auf, glaubt mir!) eingeschmuggelt habe. Im September hatten wir noch elf und zehn Kilo mitgeschleppt.

Wir machen es, wie schon auf der ersten Etappe: Morgens packen wir alles, was wir tagsüber nicht brauchen werden, in einen Rucksack und lassen den zum nächsten Hotel transportieren. Den zweiten nutzen wir als Tagesrucksack für Blasenpflaster, Regenkleidung und Verpflegung.

Ich nenne unser Variante gerne „Luxuspilgern“. Da wir weder Bock haben auf Bettwanzen, noch aufs Weiterlaufen falls abends nirgendwo ein Bett mehr frei ist, lassen wir die Pilgerherbergen links liegen und haben unsere Hotels im Vorhinein gebucht. Das heißt, weniger schleppen, es heißt aber auch: keine Flexibilität bei der Streckenplanung

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Tag 1: A Guarda – Villadesuso

Der erste Tag erinnert schon sehr an unsere Tour im September. Wir bewegen uns parallel zur Küste, haben fast immer das Meer im Blick.  Der Ginster blüht strahlend gelb. Wir hören dem Meer zu, entdecken wilden Rhabarber und Kapuzinerkresse. Es riecht nach Eukalyptus.

Um uns herum ist wenig Ablenkung. Außer laufen, reden und die Natur genießen gibt es nichts zu tun. Und fotografieren natürlich. Irgendwann ist meine Schwester genervt und fordert mich dazu auf, nur noch jede zweite Pinie zu fotografieren…

Ein paar wenige Kilometer laufen wir den Gehweg an der Nationalstraße entlang, dann wieder gewundene Trampelpfade durch eine Heidelandschaft, die außer wilden Orchideen noch ganz viele Pflanzen mehr zu bieten hat, deren Namen ich leider nicht kenne.

Mit Blick auf das Kloster Santa Maria in Oia legen wir eine Kaffeepause ein, lernen drei nette Amerikanerinnen kennen, denen wir im Laufe der Reise noch öfter begegnen werden und erreichen schließlich früh unser Hotel, in dem irgendwelche Bauarbeiten in vollem Gange sind. Nach dem Duschen ist es noch viel zu früh fürs spanische Abendessen und wir suchen uns erst mal ein nettes Plätzchen auf der Terrasse einer Cafébar.

Als es Zeit zum Abendessen wird, müssen wir leider feststellen: Dienstag ist der spanische Montag. Mit anderen Worten: Ganz viele Restaurants haben geschlossen. In unserem Hotel wollen wir nicht essen und wir finden schließlich das Restaurante Lugar. Wir sind die einzigen Gäste und essen mit Blick auf einen wunderschönen Garten und das Meer in einem hübsch eingedeckten Restaurant, in dem das Brot vorgelegt wird und die Krümel im Anschluss ans Essen mit silbernem Besen vom Tisch gefegt werden.

Der Kellner gibt sich so viel Mühe mit uns und übersetzt mit seinem Smartphone alle Fische auf seiner Karte ins Englische. Meine Schwester und ich bringen es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass unser Englischvokabular rund ums Thema Meeresfrüchte ebenfalls – ich sag mal  – ausbaubar ist. Es gibt Pulpo nach galizischer Art (mit viel Olivenöl und Paprika im Ofen gegart) und anschließend ein Steak, dazu einen Cava. Wir fühlen uns wunderbar umsorgt und essen sehr lecker.

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Tag 2: Villadesuso – A Ramallosa

Es ist heiß, es geht steil bergauf, wir müssen Tiergatter öffnen und auch wieder schließen. Offensichtlich beginnt hier der abenteuerliche Teil unserer Pilgerreise. Es geht über Stock und Stein. Leider ohne etwas zu essen im Gepäck – abgesehen von zwei Müsliriegeln, die bereits seit dem ersten Teil dieser Reise im September ihr Dasein im Rucksack fristen. Egal. Irgendwann essen wir sie auf. Denn wir sind verzweifelt hungrig.

Und das kam so: Der Supermarkt im Vorort von Oia, von wo aus wir losgelaufen sind, hatte geschlossen; das Gebäude steht zum Verkauf. Kein Problem, denn unser Wanderführer verweist auf einen Campingplatz in sechs Kilometern Entfernung, der einen Supermarkt haben soll. Dazu gibt’s die ausdrückliche Aufforderung, sich hier zu verpflegen, weil es dann über die nächsten sieben Kilometer keine Verpflegungsmöglichkeiten mehr gibt.

Was der Wanderführer verschweigt: Im Mai ist dieser Supermercado leider noch geschlossen. Zum Glück haben wir noch Wasser vom Vortag übrig. Am Ende müssen wir es uns sehr einteilen, denn wir finden erst nahe unseres nächsten Hotels wieder einen Supermarkt, der geöffnet hat. Denn als die sieben Kilometer hinter uns liegen, ist es inzwischen nach 14 Uhr und zwischen 14 und 17 Uhr: Siesta.

Ich hatte ein bisschen Schiss vor den Auf und Abs, die uns die Strecke so bieten würde, aber ich habe dazugelernt: Wenn es steil bergauf geht, empfiehlt es sich, den Blick auf den Boden zu richten und einen Schritt nach dem anderen zu machen. Wer die ganze Herausforderung auf einmal in Blick nimmt, der schreckt vielleicht davor zurück und kehrt gleich um. Man lernt auf dem Jakobsweg also wirklich viel fürs Leben!

Die Kombination aus Wandern am Berg und wenig zu essen und zu trinken schlaucht uns. Doch am Ende wartet eine Überraschung: Im Hotel Arce werden wir zum ersten Mal auf dieser Reise auf das Herzlichste Willkommen geheißen. Freundlichkeit hat nichts mit Sprache zu tun, aber sicher spielt es auch eine Rolle, dass die Inhaberin Englisch spricht, als sei es ihre Muttersprache.  Sie empfiehlt uns ein einfaches Restaurant in der Nähe, in dem wir sehr gut bedient werden und einfach, aber lecker essen. War auch höchste Zeit, denn uns war schon ganz schlecht vor Hunger.

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Tag 3: A Ramallosa – Vigo

Die Moral unserer Zwei-Frauen-Truppe lässt heute sehr zu wünschen übrig. Uns steckt der gestrige Tag in den Knochen und zum sehr schwülen Wetter gesellt sich ein Motivationstief. Wir kommen heute irgendwie nicht so richtig vom Fleck und nutzen jede Gelegenheit für eine Pause. Am Surferstrand zum Beispiel, wo die allermeisten Surfschüler sich nur kurz auf dem Brett halten können, aber bewundernswert unermüdlich wieder rauf klettern, um es erneut zu versuchen.

Links von uns liegt das Meer, der typische Geruch hängt in der schwülen Luft, ich schmecke das Salz auf meinen Lippen. Die Sonne brennt auf meine Kopfhaut, der Schweiß rinnt mir den Nacken hinunter und dort, wo der Rucksack auf dem Rücken aufliegt, klebt das T-Shirt an meiner Haut.  Fast schon automatisch setze ich einen Fuß vor den anderen. Ganz dicht zu meiner Rechten rasen die Autos vorbei. Wegen eines Pilgers bremst hier keiner.

Ein Mann spricht uns an. Morgen soll es regnen. Wir bräuchten einen Hut, erklärt er uns. Wir hoffen, dass es die Kapuze unserer Regenjacke auch tun wird. Und dass der Wetterbericht sich irrt. Wir verabschieden uns vom Meer, denn es geht landeinwärts, am Fluss entlang über eine Piste durchs Industriegebiet. Die Ausläufer von Vigo sind erreicht. Wir wären reif für einen Kaffee und eine Toilette. Wer hätte gedacht, dass man durch eine Großstadt laufen kann, ohne an einem Café vorbeizukommen?

Doch unserer Wanderführer leitet uns komplett durch idyllisches Grün, durch einen Park und stets am Fluss entlang. Wir kommen am Fußballstadion vorbei, in dem heute Abend Vigo gegen Manchester United in der Europa League spielen wird. Das nächste Café sehen wir, da sind wir schon so nah beim Hotel, dass die Lust auf eine Dusche stärker ist als der Kaffeedurst. Über das Abendessen im Hotel hüllen wir besser den Mantel des Schweigens. Nur so viel: Es ist das Schlechteste unserer kompletten Reise. Der „Koch“ sollte dringend über eine Umschulung nachdenken.

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Tag 4: Vigo – Cesantes

Morgens: Das Wasser tröpfelt so antriebslos aus der Brause, wie ich mich fühle. Kreuzweh, Muskelkater, schlechtes Wetter. Mal sehen, was dieser Tag uns bringt. Nach dem Frühstück sieht es zunächst so aus, als sei die Wettervorhersage falsch.

Wir stapfen durch Vigo, versorgen uns in einem Frioz und das Pilgern gerät zu einem kleinen Schaufensterbummel, als wir ins Zentrum kommen. Wir machen einen Abstecher in eine Markthalle, trinken noch schnell einen Zumo de Naranja und besorgen uns einen weiteren Stempel für den Pilgerausweis, bevor wir das Zentrum von Vigo hinter uns lassen. Wir ignorieren die Bushaltestellen auch noch, als sich der Himmel bereits zuzieht.

Und dann geht es los. Kein leichtes Nieseln, kein zarte Tröpfeln; sintflutartig stürzen die Wassermassen auf uns ein. Schon nach wenigen Minuten sind wir völlig durchnässt. Unsere Regenjacken bringen bei diesem Wolkenbruch gar nichts. Auch Unterstellen ist keine Option, es sieht nicht aus, als würde sich das Wetter demnächst bessern. Also laufen wir tapfer weiter. Nasser werden können wir eh nicht.

Trotzdem sind wir erstaunlich gut gelaunt. Selbst für die Autofahrer, die uns mit Dreckwasser vollspritzen, haben wir (fast) nur friedvolle Gedanken. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Laune von gestern mit dem Wetter von heute zusammengetroffen wäre…

Wir werden damit belohnt, dass der Regen irgendwann dann doch aufhört. Der Weg führt über weite Teile über eine Piste durch den Wald. Farne, mit Efeu bewachsene Baumstämme und Steine und  es riecht feucht. Die Vegetation ist komplett anders als am Meer. Auch heute begegnen wir nur wenigen anderen Pilgern, einer Handvoll, wenn es hoch kommt.

Unser Weg zum Hotel führt uns zurück ans Meer. Das Hostal Antolin liegt direkt am Strand, wir haben Balkon, Dachterrasse und einen wunderbaren Garten vorm Restaurant mit Blick aufs Meer.  Leider hat es am späten Nachmittag wieder zu regnen begonnen und wir können nichts von alledem nutzen. Doch wir fühlen uns in dem Hotel sehr wohl. Es gibt eine Badewanne und leckeres Essen. Wir verstreuen unsere Habseligkeiten im kompletten Zimmer und hoffen, dass unsere Pilgerausweise, unsere Wanderschuhe und Klamotten über Nacht trocknen werden.

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Tag 5: Cesantes – Pontevedra

Heute trifft unser Caminho portugues dela costa auf den portugiesischen Hauptweg. Während wir bislang nur wenige andere Pilger getroffen haben, werden es von jetzt an immer mehr. Allerdings ist das im Mai immer noch völlig okay. Über weite Strecken sind wir nach wie vor zu zweit alleine.

In Arcade finden wir einen kleinen Supermarkt, der von außen so aussieht, dass wir uns wundern, als sich die Tür tatsächlich öffnen lässt. Drinnen erzählt mir die sehr nette ältere Dame an der Bedientheke, dass sehr viele Deutsche den Jakobsweg pilgern. Zumindest ist es das, was ich verstanden habe. 😉

Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir tatsächlich noch gar keine anderen Deutschen getroffen, doch das ändert sich ab hier. Wir treffen Italiener, Slowenen, aber auch Deutsche – ja, sogar Schwaben. Am meisten beeindruckt hat uns eine junge Pilgerin, die mit ihrem kleinen Sohn unterwegs war. Wir fanden den Weg jetzt nicht immer Buggy-geeignet, aber die beiden haben das gerockt.

In Pontevedra angekommen freuen wir uns an der lebendigen Altstadt. Wir blicken hier aber auch in die erschöpften Gesichter vieler Pilger. Wir sehen Menschen, die übel hinken und mit letzter Kraft in die Herberge stolpern – und sind froh, dass uns das erspart bleibt. Unseren Füßen geht es gut und wir sind im Hotel Rias Bajas gut untergebracht.

Abseits der belebten Plätze, an denen muntere Akkordeonspieler darum betteln, verhauen zu werden, finden wir das o Souto. Es ist reiner Zufall, dass wir in der Tapasbar landen, aber wir haben damit einen Glücksgriff getan. Wir essen Kroketten mit Ibericoschinken und Minze und Albondigas von der Ente, asiatisch angehaucht, sowie Thai Chicken mit Kokos und Chili, ebenfalls aus dem Wok.

Es bleibt noch Platz für „Tirami su en texturas“ mit Mascarponecreme, Kaffeeeis und Brownie sowie eine eigene Interpretation von Cheesecake mit galizischem Quark, dazu hausgemachtes Himbeereis. Alles, aber auch wirklich alles war superlecker. Das beste Essen unserer Reise.

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Tag 6: Pontevedra – Caldas de Reis

Es ist Sonntag morgen und mein ausgelaugter alter Körper möchte das Bett heute morgen partout nicht verlassen. Mir tut zwar nichts weh, aber ich wäre heute  gerne einfach nur faul. Das Gute daran, wenn man zu zweit unterwegs ist: Wir motivieren und gegenseitig und ziehen uns mit. Ich überwinde meinen inneren Schweinehund und spätestens als wir im wunderschönen Garten von A Pousada do Peregrino in Barro Platz nehmen, habe ich meine schlechte Laune überwunden.

Unter einem Dach aus Reben gönnen wir uns eine wundervolle Auszeit, lehnen uns zurück und schauen in den märchenhaft blauen Himmel. Sollte man viel öfter machen. Am Nachmittag gönnen wir uns eine weitere Auszeit, dieses Mal in einem bunt zusammen gewürftelten improvisierten Hofcafé an der Strecke, wo Postkarten und Fotos von den vielen Pilgern zeugen, die hier bereits Rast gemacht haben.

Die Wirtin bewirtschaftet den Hof aus dem Keller heraus. Ein zauberhafter Ort, an dem Pilger aus aller Welt zusammen treffen und miteinander plaudern. Einige der junge Leute ziehen ihre Schuhe aus – und ich möchte ihnen gerne zurufen: „Nein, macht das nicht!“, aber dann fällt mir wieder ein, dass ich ja gar nicht ihre Mutter bin. 🙂

Der Weg führt uns heute durch Wiesen und Felder, an Bächen entlang und über steinige Pfade bergauf. Es nieselt ein bisschen, dann kommt wieder die Sonne heraus. Es  riecht nach gemähtem Gras, wenn wir uns menschlichen Behausungen nähern. Das Kläffen von Hunden begrüßt uns, mindestens einer scheint zu jedem Haus zu gehören. Der Caminho bietet uns jede Menge Kontraste. Morgens serviert Dir noch ein Kellner mit Fliege Dein Frühstück – und am Abend: Jugendherbergsatmosphäre.

21 Uhr. Wir sind wieder mal am Verhungern. Das Mädel vom Empfang, das fortan unsere Kellnerin sein wird, knipst für uns das Licht im Restaurant an. Als wir um 22.30 Uhr bereits wieder gehen wollen, kommen die Spanier zum Essen. Unser Menü aus Salat, Schinkenbraten und Flan kostet mitsamt einer Flasche Albarino und Wasser zehn Euro pro Person. Rekord-Tiefstpreis.

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Tag 7: Caldas de Reis – A Escravitude

In dieser Herberge scheinen die meisten Gäste kein Frühstück dazu zu buchen und gönnen sich einfach einen Kaffee an der Cafébar. Wir sitzen zum Frühstücken  im Keller. Ein bisschen so als hätten wir Aussatz. 😉

Wir verlaufen uns gleich beim Start in Caldas de Reis. Dort ist heute Markt. Wir sind so fasziniert von all dem, was hier feilgeboten wird, dass wir aus Versehen Richtung Süden abbiegen statt Richtung Norden. Missglückter Start zwar, dafür aber schöne Atmosphäre mit Kleidern, Pflanzen, Schuhen, Socken und Fisch an den Ständen. Und über allem liegt der Duft frisch frittierter Churros.

Überhaupt wird das unser desorientiertester Tag. Am Abend machen wir den Fehler, in Padron zu denken, wie seien schon gleich in unserem Hotel. Wir setzen uns ins Straßencafé und gehen davon aus, dass noch höchstens 20 Minuten Marsch vor uns liegen. Tatsache ist: Wir haben eine Seite im Wanderführer überblättert.

Heute ist der Himmel blau, es gibt nur ein paar Schäfchenwolken. Ein traumhaftes Wetter, aber auch gleich so heiß, dass wir überall Schatten aufsuchen, wo wir ihn finden können.

Wir kommen um kurz vor sieben völlig genervt und verschwitzt in unserem Hotel an. Unterwegs haben wir mehrfach die Hilfsbereitschaft der Spanier in Anspruch nehmen müssen und uns nach A Casa da Meixida durchgefragt. Die Dame an der Rezeption, die zauberhafte Isa, sieht uns nur kurz an und eilt dann zum Kühlschrank, um uns eisgekühltes Wasser zu bringen. Das beste Getränk, das ich je getrunken habe. So kommt es mir in dem Moment zumindest vor.

Die Casa ist mindestens genauso charmant wie die Gastgeberin herzlich und obwohl Isa nur Spanisch spricht kommen wir ganz hervorragend miteinander aus. Wir schmeißen uns alle weg vor Lachen. Isa über unsere Spanischversuche und wir über ihre spanisch-deutschen Google-Übersetzungen.

Das Fünf-Zimmer-Hotel ist wunderhübsch eingerichtet und obwohl das WLAN nicht besonders stabil war und die Sicherungen andauernd herausflogen, haben wir uns an diesem verzauberten Ort unglaublich wohl gefühlt. Das Frühstück bereitet Isa alleine aus galizischen Produkten zu und wenn es ein Hotel auf dieser Reise gibt, in das wir unbedingt einmal zurückkehren wollen, dann ist es dieses.

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Tag 8: A Escravitude – Santiago de Compostela

Am Morgen schreibt uns Isa einen Zettel. Die Zahl 18 steht darauf. Gemeint ist die Anzahl an Kilometern bis nach Santiago, Die Tatsache, dass wir gestern weiter gelaufen sind, als wir ursprünglich gedacht haben, sorgt jetzt dafür, dass wir unsere letzte Etappe nach Santiago de Compostela ganz entspannt angehen können. Der Wanderführer macht mir ein bisschen Angst vor den Anstiegen auf dem letzten Stück Jakobsweg. Völlig unnötig, wie sich herausstellt.

Man sieht schon früh die Türme der Kathedrale, doch von da aus liegen noch anderthalb Stunden Wegstrecke vor uns. Wir sind gut drauf. Vielleicht weil wir wissen, dass es für lange Zeit das letzte Mal ist, dass wir die Wanderschuhe tragen.

Wir erreichen vor 17 Uhr die Kathedrale und sind ein bisschen enttäuscht, weil sie aufgrund von Arbeiten am Hauptportal weitestgehend eingerüstet ist. Trotzdem beeindruckt uns die Kirche. Trotz LED-Kerzen, regen Treibens und Fördervereins-Werbung auf flackernden Bildschirmen strahlt diese alte Kirche eine ganz besondere Atmosphäre der Ruhe, des Angekommen-Seins aus. In Santiago. Ein bisschen aber auch bei sich selbst.

Auf dem Platz vor der Kathedrale treffen sich die Pilger, genießen es gemeinsam, ihr Ziel erreicht zu haben. Während sich die einen schwer auf ihren Pilgerstab stützen und mit letzter Kraft zur Kathedrale humpeln, sehen andere aus, als wären sie gerade erst los gelaufen.

Wir entscheiden uns, auch gleich noch im Pilgerbüro vorbei zu gehen und uns unsere Urkunde, die Compostela, abzuholen. Zirka eine Stunde stehen wir geduldig in der Schlage und treffen hier viele Pilger von unterwegs wieder. Auch das ein sehr schöner Moment.

Falls Ihr mit dem Gedanken spielt, den Jakobsweg zu gehen: Macht das, es lohnt sich wirklich. Und wenn Ihr Tipps fürs Packen braucht oder für ein Eincremen-gegen-Blasen-Ritual, dann scheut Euch nicht davor zurück, mich zu fragen.

Buen Camino!
Conny

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4 Gedanken zu „Auf der Jagd nach dem gelben Pfeil“

  1. Nach über 30 Jahren mit der großen Schwester wieder gemeinsam in Urlaub zu fahren und dann auch noch zu pilgern, ist toll! Zumindest mit meiner Schwester!

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