Die Lust am Selberkochen wecken

Mehr Genuss: Ein Plädoyer fürs Selberkochen

Deutschland, wie es isst. So ist der Ernährungsreport 2017 überschrieben. Im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hat das Meinungsforschungsinstitut forsa rund 1.000 Bundesbürger ab 14 Jahren zu ihren Ess- und Einkaufsgewohnheiten befragt. Über die Ergebnisse dieser Befragung habe ich mit Renate Pabst gesprochen, die des Ernährungszentrums im Landratsamt Karlsruhe leitet.

??? Es gibt so ein paar Aussagen in diesem Ernährungsreport, die eher verwundern. Zum Beispiel, dass die Kochlust bei 14- bis 18-Jährigen so groß ist und dann zeigt die nächste Statistik, dass Jugendliche diesen Alters aber kaum kochen…
Renate Pabst: Wir beobachten da ebenfalls eine große Diskrepanz. Die Verbraucher beschäftigen sich viel mit Ernährung. Es gibt so viele Kochbücher und Kochzeitschriften wie nie, Kochsendungen im Fernsehen boomen nach wie vor, aber das alltägliche Kochen wie auch der Einkauf dafür werden als lästig empfunden. Der Trend geht zum „Event-Kochen“, im Alltag greift man dann gerne zu Fertig- oder Halbfertigprodukten.

Weder künstliche Aromen,
noch Konservierungsstoffe

??? Das heißt, selber kochen ist ein Aufwand, den viele scheuen?
Renate Pabst: Ja, ich habe den Eindruck, dass Kochen und Essen im Alltag nicht wichtig genommen werden, dabei geht es doch um so viel mehr als bloß um die Zubereitung von Nahrung. Beim Selberkochen wählt man Zutaten und Gewürze nach eigenem Geschmack, braucht weder künstliche Aromen noch Konservierungsstoffe und die Mahlzeit ist billiger als ein Fertigprodukt. Beim gemeinsamen Kochen mit den Kindern und dem Essen im Familienkreis werden Fertigkeiten und Esskultur weitergegeben. Die Priorisierung ist heute eine andere, nämlich die einer „Freizeitgesellschaft“. Noch in den 60er und 70er Jahren wurden pro Tag etwa zweieinhalb Stunden ins Kochen und Essen investiert, heute ist es im Schnitt unter einer Stunde. Gekauft wird, was wenig Arbeit macht: sogenannte moderne Gemüse wie Paprika und Tomaten auch im Winter sowie bereits geputzte Salate.
??? Was ist daran falsch?
Renate Pabst: Wenn wir im Hinblick auf Umweltbelastung und Qualität von Lebensmitteln einkaufen wollen, müssen wir zu regionalem und saisonalem Gemüse greifen – wie jetzt eben Kohl, Kürbis, Wirsing. Unserer Erfahrung nach wird ein Lebensmittel umso seltener genommen, je aufwendiger der Prozess vom Kauf bis zum Essen ist. Es fehlt auch die praktische Fertigkeit. Die würden wir gerne unseren unterschiedlichen Zielgruppen wie jungen Müttern, Senioren, Schülern, Lehrern und Erziehern vermitteln. Dazu bieten wir ganz unterschiedliche Veranstaltungen an, in denen aber immer die praktische Zubereitung von Gerichten in der Küche im Mittelpunkt steht. Wir wollen die Menschen mit Wissen über eine bedarfsgerechte Ernährung begeistern und sie dazu einladen, Genuss im Alltag zuzulassen.

Ernährung als Schulfach?

??? Der Ernährungsreport regt ein Schulfach „Ernährung“ an. Wäre das in Ihrem Sinne?
Renate Pabst: Wir erleben hier sehr oft Kinder, deren feinmotorische Fähigkeiten zeigen, dass sie nie in der Küche helfen dürfen. Die Ernährungspyramide kennen alle Kinder in der Theorie, aber es hapert an der Umsetzung. Es geht darum, das praktische Tun zu vermitteln. Es gibt jedoch immer weniger Schulen mit den dafür notwendigen Küchen. Und ich glaube nicht, dass die Lehrerlandschaft genügend Lehrkräfte mit Know-how hergibt. Wenn man der Ernährung einen höheren Stellenwert geben will, dann könnte man schon heute Beispiele zur Nahrungszubereitung auch sehr gut in anderen Fächern unterbringen. Auch sollte man daran denken, beide Geschlechter in alltäglichen Fähigkeiten zu schulen.
??? Wenn es darum geht, den Alltag zu bewältigen, dann ist das mehr als nur das Kochen?
Renate Pabst: Dazu gehört der ganze Haushalt von der Wäschepflege bis zur Reinigung, vom Einkauf über Abwasch bis hin zur Verwaltung des zur Verfügung stehenden Geldes. Wissen und Können in diesem Bereich erleichtern den Alltag, Nicht-Wissen und Nicht-Können bauen hingegen solche Hürden auf, dass der Alltag beschwerlich wird. Fehlende Alltagskompetenzen haben ihre Ursache auch in gesellschaftlichen Veränderungen. Früher wurde vieles von Eltern oder Großeltern weitergegeben. Die gute Nachricht ist: Die jungen Leute werden partnerschaftlicher. Möglicherweise ergeben sich künftig Lösungen, die wir noch gar nicht auf dem Schirm haben. Ich finde es aber wichtig, dass die Menschen etwa darüber nachdenken, ob sie wirklich so viele Fertigprodukte möchten. Selber kochen bedeutet Geschmacksvielfalt. Für diese Entdeckung laden wir auch gerne zu „Mutproben“ ein: Mousse au Chocolat mit gerösteten Zwiebeln und angebratenem Speck zu probieren, zum Beispiel. Es geht darum, mit dem Geschmack zu spielen, zu experimentieren.

Sind wir zu satt?

??? Laut Ernährungsreport interessiert sich der Verbraucher sehr fürs Tierwohl. Überrascht Sie das?
Renate Pabst: Der Blick des Verbrauchers geht verstärkt darauf, wie ein Tier aufwächst. Tierwohl in der Aufzucht kostet aber mehr Geld, der Verbraucher muss bereit sein, dafür zu bezahlen. Ich glaube, dass viele den Zusammenhang zwischen billigem Schnitzel beim Discounter und der Haltung des Tieres bis zur Schlachtung gar nicht herstellen. In Baden-Württemberg sind die Betriebe klein strukturiert. Viele Landwirte halten ihre Tiere so, dass sie ins Freie können. Für sie bietet sich die Chance als Direktvermarkter einen besseren Preis für ihr Produkt zu bekommen. Denn viele Verbraucher sind sehr wohl bereit, dort, wo sie sehen, wie das Tier gehalten wird, mehr zu zahlen. Damit das auch im Lebensmittelhandel funktioniert, braucht der Verbraucher eine Kennzeichnung, daher bin ich sehr für ein Tierwohl-Label.
??? Die Lust an glutenfreien oder laktosefreien Produkten steigt.
Renate Pabst: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Anzahl an Lebensmittelunverträglichkeiten nicht in der Zahl zugenommen hat, wie diese Produkte gekauft werden. Ich glaube, diese Produkte fallen für viele in den Bereich „Wellness“, man glaubt, sich mit ihnen etwas Gutes zu tun. Glutenunverträglichkeit ist eine schlimme Krankheit, ich will das nicht verniedlichen. In der Häufigkeit allerdings, in der glutenfreie Produkte gekauft werden, halte ich das für eine Modeerscheinung.
??? So wie Chiasamen, Cranberries, Avocados?
Renate Pabst: Manchmal denke ich, wir sind zu satt und brauchen deshalb das Besondere. Aber so haben es immerhin die früher verpönten Linsen geschafft, zum Superfood zu werden. Und das kann ich nur befürworten, weil sie ein hervorragender Eiweißlieferant sind und viele Mineralstoffe, Vitamine und Ballaststoffe mitbringen.

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